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11:03 Uhr

Chaos, Krieg oder Aufbruch?

Medien in der gesellschaftlichen Verantwortung: Die 17. Österreichischen Medientage mit neuem Schwerpunkt


Medien als „Vierte Kraft“? - Erfüllen sie diese Funktion, haben sie im Turbokapitalismus und globalen Liberalismus ihre aufklärerische Funktion verloren? Oder sind sie selbst zu gigantischen Manipulations- und Konsumationsmaschinerien geworden – mit dem einzigen Ziel, mehr Rendite zu schaffen? „Mitten in der gesellschaftlichen Verantwortung“ ist ein Kernthema der 17. Österreichischen Medientage, die mit neuer Konzeption und neuen Strukturen erstmals in der Wiener Stadthalle – Kongresshalle F – stattfinden: am 21. und 22. September 2010. Geballt, diskursiv, kontroversiell.

 

„Medientage neu heißt back to the roots, aber mit Inhalten von morgen“, formuliert es Hans-Jörgen Manstein, Initiator und Veranstalter des größten österreichischen Branchenkongresses. „Wir lassen die Medienmesse bewusst weg und konzentrieren uns auf die Fachveranstaltung: mit Key Speakern und Themen, die provozieren und zukunftsgerichtet sind. Schließlich stehen wir mitten im größten Strukturwandel, den die Medien-, Kommunikations- und Marketingwirtschaft seit 50 Jahren erlebt hat.“

 

Erster Schwerpunkt der Medientage ist „Medien in der gesellschaftlichen Verantwortung“. Damit wird die Neuausrichtung der Medientage bereits angerissen: verstärktes Eingehen auf Vernetzungen zwischen Medien und Politik, Medienwirtschaft und Realwirtschaft, Medien und politische Auseinandersetzung.

 

Anstatt vieler Eröffnungsreden gibt es gleich zum Start eine zukunftsweisende Diskussion: Jan Mojto, einer der visionären Medien- und Programmveranstalter, diskutiert mit dem Wiener Bürgermeister Dr. Michael Häupl und der Wirtschaftskammer-Wien-Präsidentin KR Brigitte Jank über „Chancen und Zukunft des Medienstandortes Wien“. Dabei wird es weniger um Hardware, Studios und Produktionsstätten gehen, sondern um die Positionierung Wiens als Creative Industries-Metropole mitten in Europa und mit einer Wissensstruktur, wie sie nur wenige Städte aufweisen.

 

Miriam Meckel und Richard David Precht über Medien und Verantwortung

Das Thema „Gesellschaftliche Verantwortung und Medien“ wird von zwei prominenten Autoren angerissen: Miriam Meckel, Kommunikationswissenschafterin, Universitätsprofessorin und frühere Medienstaatssekretärin, die nach einem Burn-Out das höchst erfolgreiche Buch „Brief an mein Leben“ veröffentlicht hat, wäre selbst fast Opfer der „Medienfalle“ geworden. Deshalb sieht sie die Rolle von Medien, aber auch interaktiven Kommunikations-Channels kritisch und fordert „mündige Konsumenten“ und „Medienkompetenz, die bereits in der Schule vermittelt wird“.

 

Für Meckel sind Medien zu Autonomie und kritischer Distanz geradezu verpflichtet – als Korrektiv einer Gesellschaft. Zu ihren Thesen diskutiert ein hochkarätiges Panel (unter der Moderation von Ingrid Thurnher): Helmut Brandstätter, Armin Wolf, Michael Fleischhacker und Ines Pohl von der TAZ sind Garanten dafür, dass sie ehrbaren, unabhängigen, jenseits sensationsheischender Quotenjägerei agierenden Journalismus einfordern: Das zeigen sie auch in ihrer Praxis.

 

Die kardinalen Fragen sind klar: Können Medien angesichts des Kostendruckes überhaupt noch „Vierte Gewalt“ sein. Und wenn ja, dann welche Medien? Und in welchen Channels? Inwiefern müssen Medien neue Consumer-Bedürfnisse reflektieren und damit neue Strategien von Gegenöffentlichkeiten aufbauen? Was bedeutet öffentlich-rechtlich in den privatwirtschaftlichen Strukturen der Kommunikationswirtschaft?

 

Im Anschluss an das erste Panel formuliert der deutsche Philosoph und Bestseller-Autor Richard David Precht als Key Speaker seine Thesen zu einer „Kommunikationsverantwortungsgesellschaft“. Für ihn ist das Spannungsfeld Wirtschaft-Stadt-Medien-Individuum längst einer amorphen und rhizomigen Struktur gewichen. „Das Individuum löst sich im Kollektiv auf und bezieht daraus wieder eine Scheinindividualität, die im Wesentlichen durch Konsum geprägt ist. Nicht mehr um kritische Distanz geht es den meisten Medien, sondern um Vereinnahmung des Individuums und Interessenspflege der Wirtschaft.“

 

Der anschließende Wirtschaftsgipfel wird diese Thesen debattieren und das „Feindbild Wirtschaft“, das gerade kritische Medien aufgebaut haben, hinterleuchten. Es moderiert Andreas Lampl („Format“), in der Diskussionsrunde kommen u. a. Ex-Minister Casper Einem, Peter Michael Ikrath (Erste Group Bank), Siegfried Menz (Ottakringer), Gabriele Payr (Wiener Stadtwerke) zu Wort.

 

Google over all

Dass die „Vierte Gewalt“ auch zum Medienmonopol und Wissensmonopol führen kann, werden die Google-Experten Jürgen Galler und Karl Pall, die unter dem Titel „Trends in einer vernetzten Welt – Ein- und Ausblick in Internet-Innovationen“ nicht „nur“ die Philosophie des Kommunikationsgiganten umreißen, sondern auch neue Tools und Channels von Google-TV bis hin zu raffinierten Targeting-Verfahren präsentieren, sicher abstreiten. Im „interaktiven Dialog“ mit einem kritischen Fachpublikum werden sie sich aber Monopolvorwürfen stellen müssen – und wollen. „Auch dieser offene Diskurs und Streit ist kennzeichnend für die neue Streitkultur auf den Medientagen“, ergänzt Mag. Michael Himmer, mit Hans-Jörgen Manstein für die Programmierung verantwortlich.

 

Um das Missverständnis „Medienpolitik und Politik mit den Medien“ - also zur Vergesellschaftung von Medien schlechthin – geht es im Streitgespräch am „Roten Sofa“ zwischen dem österreichischen Medienstaatssekretär Josef Ostermayer und dem „Erfinder“ des „seichten Privat-TV“, Helmut Thoma. Die Moderation wird Harald Fidler, der wohl profilierteste Medienjournalist Österreichs übernehmen.

 

Speziell Österreich ist ein Paradebeispiel dafür, wie Regierungen und Parteien öffentlich-rechtliche Sender als „Privateigentum“ behandeln und in Österreich herrscht im privaten Mediensegment eine Konzentration an Macht und Titeln wie in kaum einem anderen Land. Zudem werden die beiden diametral entgegengesetzt strukturierten Persönlichkeiten Thoma und Ostermayer für einigen Zündstoff sorgen.

 

Organisator Hans-Jörgen Manstein ist sich dessen sicher, dass „wir mit diesem Themenkomplex nicht nur ein wesentliches gesellschaftspolitisches Segment anreißen, sondern auch zu einer neuen Form von Verständigung zwischen Wirtschaft, Medien und Politik beitragen können – zumindest im theoretischen Ansatz“.